3 FRAGEN AN
Bernd Meurer
Präsident des Bundesverbands privater Anbieter sozialer Dienste (bpa)
„Die Sozialämter schulden den Pflegeeinrichtungen rund eine halbe Milliarde Euro“
Der Eigenanteil für Pflegebedürftige im Pflegeheim ist erneut gestiegen, zugleich wird es zunehmend schwieriger, überhaupt einen Heimplatz oder einen ambulanten Pflegedienst zu finden. Wie sicher ist die pflegerische Versorgung noch, und was muss jetzt dringend geschehen, um sie zu stabilisieren?
Wir brauchen ein Versorgungssicherungsgesetz. In der aktuellen Diskussion um die anstehende Pflegereform geht es nur um die Finanzierung der Pflegeversicherung. Das schafft aber keinen einzigen neuen Heimplatz und auch keine Kapazitäten bei ambulanten Diensten. Wir brauchen einen schnelleren Einsatz internationaler Pflegekräfte, eine Rückkehr zur eigenständigen Altenpflegeausbildung, massive Entbürokratisierung sowie die Refinanzierung von digitaler Unterstützung.
Der Pflegebedarf wächst, während immer mehr Pflegedienste und Heime schließen müssen: Personalmangel, steigende Kosten und wachsende Bürokratie setzen die Branche unter Druck. Wie lässt sich diese Entwicklung stoppen – und welche strukturellen Weichen müssen jetzt gestellt werden?
Erstens müssen sich die Einrichtungen darauf verlassen können, zeitnah eine Refinanzierung ihrer Leistungen zu erhalten. Die Sozialämter in Deutschland schulden den Pflegeeinrichtungen rund eine halbe Milliarde Euro. Das ist ein Skandal und eine existenzgefährdende Belastung. Zweitens brauchen wir eine neue Vertrauenskultur: Die Politik soll die Rahmenbedingungen vorgeben und den Betreibern dann maximale Freiheit bei der Gestaltung der Versorgung ermöglichen.
Rund 86 Prozent der Pflegebedürftigen werden zu Hause von Angehörigen versorgt, oft unter erheblicher menschlicher und wirtschaftlicher Belastung. Werden Familien künftig noch stärker einspringen müssen, und welche Folgen hätte das für Qualität und Professionalität der Versorgung?
Vor allem hätte es Folgen für unser Land. Wir haben jetzt schon eine Debatte über das Arbeitskräftepotenzial. Wer keinen Heimplatz für die Mutter oder keinen ambulanten Dienst für den Vater findet, der fährt keinen ICE und baut auch keine Wärmepumpe ein. Der fehlt am Arbeitsmarkt. Zur Qualität: Es gibt gute Pflege innerhalb der Familien. Aber wenn professionelle Unterstützung gebraucht wird, dann muss diese auch zur Verfügung stehen. Das ist vielfach derzeit nicht der Fall.
