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3 FRAGEN AN
Sophie Hermans

Ministerin für Gesundheit, Wohlfahrt und Sport der Niederlande

"Ich möchte die Entwicklung hin zu einer bedarfsgerechten Versorgung zum Standard machen“

Angesichts des demografischen Wandels und steigender Gesundheitskosten: Wie schaffen es die Niederlande, das Gesundheitssystem finanziell nachhaltig aufzustellen und gleichzeitig Raum für medizinische Innovationen zu lassen?

In den Niederlanden haben wir eine wichtige Entwicklung in Gang gesetzt: von einer besseren Zusammenarbeit zwischen den verschiedenen Bereichen des Gesundheitswesens, über eine bedarfsgerechte Versorgung bis hin zu einem Fokus auf das allgemeine Wohlbefinden statt nur auf Krankheiten. Um dies zu gewährleisten, haben wir mit allen Akteuren Vereinbarungen getroffen, allerdings auf eine andere Art und Weise als zuvor. Bis 2022 wurden Rahmenbedingungen für die verschiedenen Bereiche des Gesundheitswesens festgelegt, wobei der Schwerpunkt auf der Regulierbarkeit und der Finanzierung lag. Dieser Ansatz wurde im Jahr 2022 novelliert, indem das „Integrierte Gesundheitsabkommen“ (Integraal Zorgakkoord, IZA) und dann im Jahr 2025 das „Ergänzende Abkommen für Gesundheit und Wohlbefinden“ (Aanvullend Zorg- en Welzijnsakkoord, AZWA) beschlossen wurde. Das Besondere an diesen beiden Abkommen ist, dass sie über das Gesundheitswesen hinausgehen, indem sie auch den sozialen Bereich einbeziehen. Diesem Ansatz liegt die Erkenntnis zugrunde, dass Lösungen für Hilfs- oder Pflegebedürfnisse interdisziplinär gedacht werden müssen. So werden nicht nur die Gesundheitsausgaben gesenkt, sondern auch jene Menschen, die wirklich einen Bedarf haben, besser versorgt und unterstützt.

Innovationen spielen dabei eine wichtige Rolle, sowohl in der Gesundheitsversorgung als auch bei den Versorgungsprozessen. Im Idealfall verbessert sich die Qualität und das Personal kann entlastet werden, sodass es mehr Zeit und Aufmerksamkeit für die Patienten aufbringen und mehr Freude an der Arbeit haben kann. In den Niederlanden tut sich in diesem Bereich viel. Im genannten „Ergänzenden Abkommen für Gesundheit und Wohlbefinden“ wurden unter anderem Vereinbarungen über den Einsatz arbeitssparender Medizintechnik, KI und digitaler Gesundheitsversorgung getroffen. Allerdings gebe ich zu bedenken, dass nicht jede Innovation automatisch eine Verbesserung impliziert, die das Gesundheitswesen dringend benötigt. In manchen Fällen wird die Versorgung eher teurer als besser. Das ist schade, aber ohne Innovationen gibt es keine zukunftsgerichteten Lösungen. Ich halte das Prinzip der nachfrageorientierten Innovationen für wichtig. Dass wir genauestens prüfen, welche Innovationen in der Gesundheitsversorgung benötigt werden.

Das Konzept der „Passenden Versorgung“ (Passende Zorg) in den Niederlanden rückt den tatsächlichen Patientennutzen in den Mittelpunkt. Wie funktioniert dieses System in der Praxis, wie gelingt es dadurch, Überversorgung abzubauen?

Das niederländische Gesundheitswesen ist von hoher Qualität, und um dies zu erhalten, werden wir es gezielter auf die Bedürfnisse der Patienten ausrichten. Wir sorgen dafür, dass weniger selbstverständlich „einfach“ behandelt wird und setzen mehr auf Gesundheit, Prävention und Eigenverantwortung. Damit meine ich: gute Gesundheitsversorgung bedeutet nicht, sich für das zu entscheiden, was das Gesundheitswesen leisten kann, sondern für das, was wirklich zum Wohlbefinden und zur Lebensqualität eines Menschen beiträgt. Das ist Gesundheitsversorgung nach Maß.

Der Ausgangspunkt für eine maßgeschneiderte, individuelle und angemessene Gesundheitsversorgung ist, dass nur Leistungen mit nachweisbarem Mehrwert für Gesundheit und Lebensqualität erbracht und erstattet werden. So sollen Anreize für Überbehandlungen abnehmen und eine nachweislich wirksame Behandlung maßgeblich werden. Das bedeutet ausdrücklich auch, dass die Menschen selbst Verantwortung übernehmen. Gut informiert und in einem offenen Gespräch mit ihrem Gesundheitsdienstleister entscheiden sie gemeinsam, was zu ihrer Situation, ihren Werten und ihren Wünschen passt. Nicht alles, was medizinisch möglich ist, wird auch immer gewünscht.

Das Gesundheitssystem steht weiterhin vor großen Herausforderungen, wie zum Beispiel Fachkräftemangel, Rolle von Datennutzung etc. Welche Schwerpunkte setzen Sie für Ihre Amtszeit, um das Gesundheitswesen der Niederlande für die kommenden Generationen fit zu machen?

Ich möchte die mit den beiden oben genannten Abkommen eingeleitete Entwicklung, hin zu einer bedarfsgerechten Versorgung, zum Standard machen. Wir sehen viele gute Beispiele in der Praxis, aber derzeit ist es noch zu einfach, sich dem zu entziehen und beispielsweise weiterhin eine nicht bedarfsgerechte Versorgung anzubieten. Das ist nicht im Interesse der Bürger und Patienten. Ich möchte daher die positiven Aspekte, die wir in den Abkommen geregelt haben, auch in Gesetzen und Vorschriften verankern. Damit die Vorreiter und Nachahmer eine adäquate Unterstützung erhalten und die Nachzügler aufholen. Damit meine ich sowohl Fachkräfte als auch Gesundheitsdienstleister und Krankenkassen. 

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