3 FRAGEN AN
Prof. Dr. Heidrun M. Thaiss
TUM School of Medicine & Health und Felix Burda Stiftung
„Prävention erfordert klare Zuständigkeiten, abgestimmte Ziele und langfristige Finanzierung“
Sie haben das Präventionsgesetz als Leiterin der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung fachlich begleitet und in der Umsetzung mitgeprägt. Gut zehn Jahre später steht nun die Novellierung an: Welche Bilanz ziehen Sie heute – und worauf kommt es Ihrer Ansicht nach jetzt an, damit Prävention vor Ort wirksam und nachhaltig umgesetzt werden kann?
Das Präventionsgesetz von 2015 war nach vier vergeblichen Anläufen ein bedeutender Meilenstein und schuf erstmals einen verbindlichen Rahmen für die auf unterschiedlichsten Ebenen und in heterogenen Institutionen agierenden Protagonisten. Es stärkte die Zusammenarbeit von Sozialversicherungsträgern, Ländern und Kommunen sowie die Ausrichtung auf Lebenswelten wie Kitas, Schulen, Betriebe und Kommunen. Besonders vulnerable Gruppen wie Suchtkranke und Langzeitarbeitslose wurden gezielt erreicht. Die Präventionsberichte 2019 und 2023 zeigen jedoch weiteren Handlungsbedarf: Kommunale Programme benötigen eine verlässliche Finanzierung, klare Zuständigkeiten und stärkere sektorenübergreifende Kooperation. Zudem sollten Wirkung und Qualität systematischer evaluiert werden.
Der GKV-Spitzenverband fordert in seinem Positionspapier 2026, Gesundheitsförderung stärker als gesamtgesellschaftliche Aufgabe zu verankern. Gleichzeitig stellt sich die Frage, wie Verantwortung und Finanzierung zwischen den gesellschaftlichen Akteurinnen und Akteuren künftig verteilt werden sollten. Wie kann Prävention als Gemeinschaftsaufgabe verlässlich gelingen?
Gesundheitsförderung und Prävention wirken nachhaltig nur als gemeinsam koordinierte Aufgabe. Einzelprojekte in parallelen Systemen bleiben trotz gleicher Zielsetzung oft ineffizient. Erfolgreiche Prävention erfordert klare Zuständigkeiten, abgestimmte Ziele und langfristige Finanzierung. Besonders die Kommunen sollten gestärkt werden, da hier Gesundheit, Bildung, soziale Teilhabe und Stadtentwicklung wirksam verknüpft werden können. Dafür braucht es Gestaltungsspielräume, verlässliche Ressourcen und politische Priorität. Prävention muss endlich als langfristige Investition nicht nur in Gesundheit, sondern gesellschaftliche Zukunftsfähigkeit und Resilienz verstanden werden. Deshalb müssen alle – auch finanzielle – Verantwortung übernehmen, die durch Präventionsmaßnahmen klare Investitionsgewinne erzielen.
Der Präventionsbericht zeigt, dass Gesundheitsförderung in Lebenswelten wie Kitas, Schulen, Kommunen und Betrieben bestimmte vulnerable Bevölkerungsgruppen weiterhin nicht ausreichend erreicht. Woran liegt es, dass gesundheitliche Maßnahmen bei einzelnen Gruppen weniger wirken, und was braucht es für mehr gesundheitliche Chancengerechtigkeit?
Gesundheitliche Ungleichheiten entstehen nicht allein durch individuelles Verhalten, sondern vor allem durch soziale, wirtschaftliche und Umweltbedingungen. Menschen in belastenden Lebenslagen haben häufig geringere Gesundheitschancen und größere Hürden beim Zugang zu Präventionsangeboten. Deshalb müssen Maßnahmen die Lebensrealitäten der Menschen stärker berücksichtigen, zum Beispiel sprachliche, kulturelle oder soziale Hindernisse. Und sie sollten niedrigschwellig, lebensweltnah, partizipativ und aufsuchend sein. Parallel gilt es, strukturelle Voraussetzungen wie Bildung, Arbeit, Wohnen und soziale Teilhabe zu verbessern.
